anfeuern, nicht abwatschen

Freitagabend, Jugendkulturzentrum Forum an der Schafweide, fresh-Pop mit Prothead, Beefpeter und Garden of Eden. Ein ähnliches Bild, wie im zeitraumexit: Der Veranstalter sitzt selbst an der Kasse. Sechs Euro kostet der Eintritt, zwei Euro pro Band. Ein fairer Preis, das finden auch die Jugendlichen, die hierher kommen, obwohl einigen anzusehen ist, dass das für sie ein größeres Stück vom Taschengeld ausmacht. Auf der anderen Seite werden die Einnahmen aus Eintritt und Getränken an diesem Abend die Ausgaben für die Miete der Anlage und anderes bei weitem nicht decken.
Als es losgeht, ist der kleine Raum gut gefüllt, aber dennoch genug Platz zum Tanzen da. Die Besucher genießen das sichtlich und toben sich fernab vom Schulsport, der immer erreichen möchte, daß sich alle bewegen, herzhaft aus. Zu lauter Musik und mit der Freiheit, sich so zu bewegen, wie man kann und möchte, macht Tanzen eben mehr Spaß als beispielsweise im Bikini mit albernen Lockenperücken und Krönchen auf dem Kopf im Schauspielhaus unter den Blicken von Abonnenten und Skandaltouristen zu „like a virgin“ wippen und hüftschwingen zu müssen.
Im Forum ist die Musik handgemacht, herrlich laut und glücklicherweise gut ausgepegelt. Da bewegt man sich doch gern. Mit Spaß und einigen kleinen gefakten Rangeleien unter den fröhlich moshenden Jungs und Mädels. Ich erkenne einige Jugendliche von der Gruppe Augenblick Theater wieder: Behinderte und Nichtbehinderte, die zusammen ausgehen - wohlgemerkt nicht Rollifahrer plus Zivi. Wo gibt es das denn sonst außerhalb der kleinen „Marienhof“-Welt der ARD? In meinem wahren Leben kann ich viele Orte zusammen mit Behinderten nicht besuchen: Entweder der Türsteher sagt „Nein“ oder das Gebäude ist nicht behindertengerecht oder die Leute an den umliegenden Tischen zahlen und gehen oder irgendwer pöbelt. Und selbst wenn all das nicht passiert: auch Mitleid, Berührungsängste, verstohlene Blicke und dass Kellner grundsätzlich die Nichtbehinderten zuerst ansprechen, machen Ausgehen mit Gehandicapten aufreibend und oft spaßfrei. Ein Ort zu entdecken, an den man bedenkenlos mit behinderten Freunden gehen kann, ist eine Seltenheit und für mich ein großes Plus am Forum.
Kaum zu glauben, dass ein solcher Ort, der Kinder und Jugendliche – und nebenbei bemerkt auch erwachsene Musikfreunde (Ich zähle zehn Besucher über 25 und immerhin drei Eheringe) - viel besser anspricht als die Schulen, auf der Prioritätenliste der Stadt erst hinter diesen kommt. Schon klar: in die Schule müssen alle gehen, hierher können sie kommen. Heißt: Die Schule erreicht - im Idealfall - alle Kinder und Jugendlichen. Aber: hierher kommt man gern. Hier gibt es Freiräume und Angebote, wie die meisten Eltern sie ihren Kindern nicht machen können. Das können handwerkliche Kurse oder regelmäßige Gruppen sein, die große Auswahl an Gesellschaftsspiele oder Seminare (wie das dem fresh-Pop angedockte fresh-linge), in denen jungen Musikern nicht nur beigebracht wird, wie sie ihre Instrumente, sondern auch wie sie Kontakte zu Veranstaltern und der Presse pflegen. Hinzu kommt, dass die Besucher hier weder ‚Kinder’ noch 'Schüler' sind, die zu erziehen und zu bilden sind, sondern von den Erwachsenen ernst genommen werden. Das macht Mut und hilft im Leben viel weiter, als ein neues Spielgerät auf einem Pausenhof, der nach Schulschluss abgeschlossen wird.
Um zwölf ist die Sache aus, ganz friedlich, eine gute Zeit für uns Erwachsene, die wir früh zuhause sein wollen, um uns von der Arbeitswoche zu erholen. Und auch eine gute Zeit für Jugendliche, die mal länger wegbleiben wollen / dürfen. Es bleiben keine Bierflaschen und kein Müll liegen. Keiner braucht hier eine Security, weil die Jugendlichen selbst wissen, wie weit sie gehen können. Hier wird gesagt: „Nein, du hast genug gehabt“ statt profitorientiert zum Weitertrinken zu motivieren. Und das ist auch selten: ein Veranstalter, der die Gesetze zum Schutz der Jugend einhält. Nicht, weil er muss, sondern, weil es sein Anliegen ist.
Wir brauchen Orte wie diesen, an denen alle Kinder ihre Fähigkeiten entdecken und ausbauen können. Ohne den Notendruck und die miesen Betreuungsschlüssel staatlicher Schulen. Außerhalb der Sphäre ihrer Eltern, aber auch außerhalb von Vermarktungsinteressen von Konzernen und den in deren Interesse arbeitenden Fernsehsendungen („DSDS“ oder für die Unmusikalischen: „Germany’s next Topmodel“), wo Kritik nicht konstruktiv geübt wird, sondern der Unterhaltung von Zuschauern dient, die sich an der Schere zwischen vermeintlichem Können und tatsächlichem Können ergötzen sollen. Und etwas anderes als Kritik gar nicht geübt wird. Vorn wird öffentlich abgewatscht - eine dumpfe Form der Humorerzeugung, von der selbst schlechte Clowns keinen Gebrauch mehr machen. Und hinten sitzt die immergleiche Clique aus Musikwirtschaft, Produzenten und Komponisten und schraubt einfachste Liedchen zusammen, welche dann zu den ‚Hits’ der prämierten Kandidaten werden, bevor diese in der Versenkung (D. Küblböck) verschwinden.
Dann doch lieber Musikpraktiker und –lehrer wie den Dirigenten Stefan Fritzen, der über Jahre hinweg die Instrumentalisten des Sinfonischen Jugendblasorchesters (heute: Mannheimer Bläserphilharmonie) mit Ansprachen wie dieser anfeuerte: „Meine lieben Freunde. Ich bin stolz auf euch. ABER. Ein ‚cum laude’ ist kein ‚summa cum laude’ Und was heißt das, meine lieben Freunde? ÜBEN. Und wie schreibt man üben? Üben schreibt man mit drei Ausrufezeichen!“ Das mag auf den ersten Blick nicht nach Pädagogik auf Augenhöhe und auch nicht nach schnellen Erfolgen aka Hype, sondern im Gegenteil ziemlich autoritär klingen, widerlegt dafür aber ein altes Vorurteil: Nämlich das, wonach musische Fächer und Leistung nicht zusammenpassten. Dass Fritzens Strenge zu Erfolg führt, sieht man an aus dem SJBO hervorgegangenen Musikern wie Peter Vierneisel [Dirigent, Orchesterleiter d. Landespolizeiorchester Brandenburg], Tobias Nessel [Schlagzeuger, Musikpädagoge, Dirigent d. Bläserphilharmonie Rhein-Neckar] oder Kai Rudisile [Posaunist Ngobo Ngobo und Dr. Woogle and the Radio], die in unterschiedlichen Gebieten und auf unterschiedliche Weise musikalisches Können aus der MRN exportieren. Oder sich - Beispiel Nessel - vor Ort um die Nachwuchsförderung kümmern. Weil sie als Aktive am besten wissen, dass es mehr braucht als eine Musikschule und ein Instrument, um spielen zu lernen. Man muss sich auch vor Publikum ausprobieren und genau diese Möglichkeit bietet „fresh Pop“ im Forum den Teilnehmern, die sich hoffentlich auch nach gemehrtem Ruhm noch an diese Anfänge erinnern.
Und eben weil hier Menschen agieren, die mutig genug sind, auch Frischlinge auf die Bühne zu lassen und Musiker in einem Stadium zu betreuen, in dem sie noch keinen Marktwert haben, stehen das Forum und die Veranstaltungsreihe fresh-Pop auf meiner Liste schützenswerter Orte in der Region.
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Kommentare
Unter Schutz stellen
Tatsächlich sieht es duster aus für das Jugendzentrum Forum. Und im Kunstladen an der Mittelstraße werden im kommenden Jahr die Lichter ausgehen: ab Januar wird dort ein neuer Mieter für die Räume gesucht.
Im ersten Fall kann man noch etwas tun: Auf http://www.forum-mannheim.de/ gehen, den Unterstützerbrief ausdrucken, ihn Freunden, Familie und Kollegen zum Unterschreiben hinhalten und ihn dann wieder ans Forum senden. Und Spenden geht natürlich auch, so wie bei zeitraumexit.
Dankeschön
Liebe Sonja,
danke für deine pointierten Beobachtungen des Mannheimer Kulturlebens und Verlinken der FORUMs-Seite !
Dürfen wir deine Beschreibungen des FORUM-Abends auch für unsere UnterstützerInnen-Arbeit zitieren? Das war so wohltuend zu lesen...
Herzliche Grüße auch an Herrn Blissett von Birgit
Unterstützer_innen Arbeit
Liebe Birgit,
selbstverständlich könnt ihr das zitieren, ich freue mich doch, wenn ich zum Erhalt des Forums beitragen kann.
Grüße werden ausgerichtet - Beste Grüße zurück,
Sonja