Bunte Fassaden, nichts dahinter

Lichtmeile in der Neckarstadt West. Eine Ärzte-Coverband lockt mich in die unverwüstliche Eckkneipe Woodstöckl. Beziehungsweise davor, denn die Halsverrenkerplätze an der Tür sind schon besetzt. Und da ich sowieso alles mitsingen könnte, beschließe ich, daß auch ein Ärzte-Kopfradio reicht und ich an einem anderen Tag wiederkomme, um mir hier ein gutes Hamburger Astra zu gönnen. Wesentlich kleiner und daher auch proppenvoll der "alte Milchladen“. Durch das große Fenster bequem von der Straße einzusehen. Mit Geigenklängen aus aller Welt wird hier musikalisch ein Kontrastprogramm zum Nachbarn geboten. Daneben gibt es Bilder von Mannheims Kalendermaler Barry Glasson zu sehen und der Mini-Milchladen im Schaufenster verweist schon mal auf das Kinderprogramm am Sonntag, wo solche Läden gebastelt werden sollen.
Auf der anderen Meßplatzseite lädt die AFM Bar mit „Brunos Rumba“ zum Fußwippen. Für mehr ist kaum Platz. Erstaunlich eigentlich, wie der handtuchschmale Laden es schafft, die Musiker, ihre Instrumente und auch noch die Besucher unterzubringen und seit Jahren ein Programm mit regelmäßigen Jam-Sessions und einem Händchen für lokale Jazzer zu gestalten. Bleibt zu hoffen, daß die GEMA-Zahlungen sie nicht in die roten Zahlen treiben wie andere Bars und Clubs, die für ihr Live-Programm nicht annähernd die Zuschauerzahlen vorweisen können, die sich die Herren und Damen bei der musikalischen Autorengesellschaft so ausmalen.
Nebenan hat der Einlaß zur Lautstark-Party begonnen. Das ist Feuerwachen-Turnusprogramm und nicht Teil der Lichtmeile. Wieso nicht? Ich sehe nur eine Erklärung: Es würde sich für die Feuerwache nicht rechnen in der großen Fahrzeughalle ein Programm „fer umme“ zu präsentieren, weil dann rote Zahlen drohten. Mit einem vergleichsweise geringen technischen und organisatorischen Aufwand und guten Besucherzahlen, die Getränkeumsatz versprechen könnte die Lautstark-Party für die Veranstalter - die an anderen Tagen special-interest-Programme zeigen - eine Sanierungsmaßnahme und ein Sparschwein sein.
Zurück zur Neckarstadt-Schlagader Mittelstraße. Die pulst heute Abend so schwach, daß man sich um die Vitalität des Viertels sorgen muß. Zwar sind einige der Gründerzeitfassaden farbig angestrahlt, doch dahinter passiert nichts. Auf mich, die ich zwei Jahre mit einer Lichtdesignerin aus dem – mittlerweile eingestampften – Münchener Studiengang zusammen gelebt habe, sieht die hiesige mit PARs und ein paar bunten Lichtfolien realisierte Beleuchtung trost- und einfallslos aus.
Auf der Einkaufsmeile des Viertels ist es totenstill. Kaum einer scheint Lust zu haben, sich am Abendprogramm zu beteiligen. Keine Spur von der „Jeder! Wir alle! Egal was! Schräg und Viel!“-Mentalität des Jungbusch Nachtwandels. Liegt es an einem zuwenig an inhabergeführten Läden oder an zuviel Aufwand für die einzelnen? Auch der Kunstladen bleibt am ersten Lichtmeilenabend geschlossen. Lediglich das Alte Volksbad ist geöffnet. Dort präsentiert die Geschichtswerkstatt eine Ausstellung zur Mannheimer Bädergeschichte mit einer verblüffenden Luftaufnahme des Herzogenriedbads und Fotokunst, die endlich einmal den weiblichen voyeuristischen Blick befriedigt. Präsentiert in den Naßzellen des Bades. Schale Erkenntnis: Von oben betrachtet sehen Männer in Embryostellung aus wie gerupfte Hühnchen. Im Eingangsraum spielen Bellsparx, deren Hammondsounds richtig Laune machen. Leider finde ich den Weg zur Bar nicht und mache mich daher auf zur nächsten Adresse.
Auf dem Neumarkt stehen dieselben Leuchtkuben wie in jedem Jahr und sehen schon ein wenig ramponiert aus. Und passen damit gut zu meinem Gesamteindruck der Lichtmeile. Ein wenig Abwechslung bietet das Eineswiekeines, das die Latte allein mit seiner Namensgebung hoch gelegt hat und erst kürzlich in die Räume einer ehemaligen Schneiderei zog. Im audiovisuellen Gefühlsdebakel „Die Rolltreppen von La Palma“ werden Videos mit 60er Jahre Handkamera-Attitüde und computergrafik-Clips projiziert. Langsam werden die Programmpunkte vielschichtiger und liebevoller durchgeführt und das hier erinnert mich ein wenig an die Guerillakonzerte in Privatwohnungen im Belgischen Viertel zu früheren Kölner Popkomm-Zeiten. Leider packt die Band schon ihre Sachen zusammen und so ziehe auch ich weiter. Aber auch im Hof der Logopädiepraxis ist das Programm zu Ende und nur im Hauseingang stehen noch einige Jugendliche, die sich in guter alter Straßenfestmanier mit Edding auf den ausgehängten Transparenten verewigen. Wieso, bleibt fraglich, denn außer „Wir waren hier“-Statements haben sie nicht viel zu sagen.
Da das Wild West sich nicht beteiligt hat, bleibt als letzte Station Die Flammschale, wo die DJs Käytsch & Nyce nebst den üblichen Verdächtigen aus ihrer Entourage ‚urbane Tanzmusik’ auflegen. Sie sind ein Jungbusch-Import, der eigentlich überall in Mannheim sein Publikum zieht, aber der Auftritt hier ist weit schlechter besucht, als ihre Session bei den Schillertagen oder kürzlich im Basement Bikes zum Nachtwandel. Einzige Gemeinsamkeit: auch hier ist die Party des DJ-Duos last resort der Partybefürworter. Als sie zu Ende geht – aus Rücksicht auf die Nachbarn, die Produktvorführungen der in der Flammschale angebotenen Feuerwerkskörper zu nächtlicher Stunde nicht schätzen – bleiben zwei Optionen: Eine WG-Party irgendwo an der Mittelstraße oder der Heimweg. Ich entscheide mich für letztere. Auf dem Weg bleibt Zeit für Vergleiche. Im naheliegenden und bereits erwähnten von Nachtwandel und Lichtmeile, schneidet diese erheblich schlechter ab: Wenig Publikum, große Lücken auf dem Veranstaltungsplaner, halbherzige Programmgestaltung mit minimalem Aufwand (wir lassen eine Band spielen) bei den Teilnehmern.
Mit den – leider längst nicht mehr auftretenden – Incredible Rhine Rockers frage ich mich auf dem Nachhauseweg daher: „Was ist do los mit moin Monnem?“ und komme wieder einmal nicht dahinter, wie diese Siedlung ihre üble Profilneurose entwickelt hat und wieso sie sich bei der Durchführung guter Absichten immer wieder korrumpieren läßt.
Als vor einigen Jahren die Langen Nächte der Museen erfunden wurden, mußte jede Stadt auf einmal eine solche Lange Nacht haben. Seit der Einführung des Nachtwandels möchten auch die anderen Viertel Mannheims sich in kiezspezifischen Veranstaltungsreihen präsentieren und sich gegenüber den anderen Stadtteilen mit ihrem vermeintlichen Kunst-, Kreativitäts-, Genuß- oder Ausgehpotential profilieren. Dabei verliert sich schnell das Bewußtsein dafür, daß nicht jeder zum Szeneviertel mit hoher Kreativendichte und dem dazugehörigen Gentrifizierungsproblem werden kann, sondern eben auch jemand die Karten ziehen muß, auf denen „ruhige Wohnlage mit guter Verkehrsanbindung“ oder „Bebauung mehrheitlich Altbau (hohe Decken – hohe Mieten)“ steht. Es gilt herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen, bevor man Veranstaltungen plant. Erst wenn man das eigene Potential kennt, ist es möglich, dieses auch nutzbar zu machen. Und mancher muß in diesem Prozeß eben auch herausfinden, daß er ein „ganz normaler Stadtteil ist“. Und sollte darüber nicht traurig sein: Der Nachtwandel, die Urmutter dieser Reihen, ist Imagewerbung für den Jungbusch, der vielen in Mannheim nach wie vor als Problemstadtteil mit hoher ausländischer Bevölkerung, als Rotlichtviertel oder sonstwie suspektes Terrain gilt. Wem kein negatives Image anhaftet, braucht sich nicht anzustrengen, sich noch besser darzustellen (Oststadt, Schwetzingerstadt – ich schaue zu euch). Wer als problematisch gilt, läßt sich leicht über die Frage „Gibt es einen Quartiermanager?“ ermitteln. Lautet die Antwort „Ja“, gilt der Stadtteil den Regierenden als Entwicklungsgebiet. Im Fall der Neckarstadt-West eines, das von der Wohngegend für junge Akademikerfamilien bis hin zum Rotlichtmilieu alles sein kann. Hier Interessen zu bündeln und Erfolge sichtbar zu machen, ist sicher keine leichte Aufgabe für den Quartiermanager, den ich nicht dafür verantwortlich machen will, daß der Lichtmeilen-Abend an diesem Freitag mich ehrlich enttäuscht hat. Für 2010 ein Wort: Neckarstadt-West, das kann weit besser!
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Kommentare
Wieso schließt der Kunstladen?
Daß dir die Lichtmeile in der Neckarau so leer vorkam, hat meiner Meinung nach wirklich damit zu tun, daß die dortigen Kulturanbieter echte Probleme haben. So war ich am Samstag, dem "Tag der offenen Ateliers" noch im Kunstladen und am Montag mußte ich im Schaufenster den Aushang eines Immobilienhändlers mit dem Text "Frei ab Januar" sehen. Wieso der Kunstladen zumachen (ein Umzug erscheint mir unwahrscheinlich) wird, weiß ich allerdings nicht. Auf ihrer Homepage http://www.kunstladen-mannheim.de/ war nur etwas zu den Schwierigkeiten vor zwei Jahren zu lesen, die sie dann doch glücklich abgebogen haben. Ich kann mir nur vorstellen, daß es da um finanzielle Probleme geht. Oder darum, nicht weiter ehrenamtlich ein Projekt - dessen Arbeitsumfang für eine Vollzeitstelle mehr als ausreicht - stemmen zu können. Gehupft wie gesprungen: Keine Kuh kann soll man melken, ohne sie zu füttern.
Auch das Forum an der Neckarpromenade steckt in argen Schwierigkeiten, wie von dir auch hier gepostet und unter http://www.forum-mannheim.de/zu lesen. Und ich bin mir sicher, daß zeitraumexit, Forum und Kunstladen nicht die einzigen Kulturveranstalter sind, die in Mannheim um ihr Überleben ringen.
Wieso schließt der Kunstladen? - Die Antwort
So, ich habe mich beim Kunstladen erkundigt und kenne den Grund für die Schließung im Januar: Es ist tatsächlich so, daß diese Arbeit zu viel Kraft kostet und auf zu wenigen Schultern liegt. Lars vom Kunstladen hat mir geschrieben, daß sie zwar als Gruppe weiterhin Ausstellungen organisieren wollen, aber den Laden nicht weiter betreiben können.
"Eine Schande!" möchte man sagen, aber damit würde man doch nur ins selbe Horn stoßen wie diejenigen, die selbstverständlich davon ausgehen, daß eine lebendige Kulturlandschaft umsonst zu haben ist. Zu sagen, die Schließung sei eine Schande, würde bedeuten, dafür zu sein, daß Ehrenamtliche sich aufreiben, um Kultur in ihre Stadt zu bringen. Würde bedeuten, für Niedrig- und Nichtlöhne für Kulturschaffende zu plädieren und der Selbstausbeutung das Wort zu reden.
Für mich als Neckarstädterin ist es dennoch schlimm, daß ich im nächsten Jahr nicht mehr in den Kunstladen gucken werde, wenn ich meine Wäsche wasche, sondern vermutlich auf den nächsten Sportwettenshop oder 1-Euro-Laden.
Sonja Brünzels Ansichten
Liebe Sonja,
dein Titel ist doch etwas irreführend, da du scheinbar mit der Erwartung in die Neckarstadt gekommen bist so volle Straßen und wahrscheinlich auch ein ähnliches Programm wie im Jungbusch zu erleben. Das Du dies nicht vorgefunden hast ist gut und auch beabsichtigt.
Wie du darüber hinaus zu einer Aussage kommst "nichts dahinter" wo du doch selbst sagst, dass die Veranstaltungsorte "proppenvoll" waren erstaunt dann doch sehr.
Das Programm zeigt doch deutlich, dass es sich hier um ein ganz anders Konzept handelt und eben gerade nicht versucht den Nachtwandel nachzuahmen.
Du kannst dich ja mal mit den Veranstaltern unterhalten und nachfragen, wie diese die Lichtmeile empfunden haben, sSei es nun im Cutwort, eineswiekeines, Milchladen, Woodstöckl Flammschale oder bei einem der anderen Veranstalter.
Übrigens, den Kindern am Sonntag hat die Lichtmeile sehr gut gefallen und was am Abend von Monika Magret Steger als Lesung in der Lutherkirche geboten wurde war höchstes Niveau!
Auf die Füße getreten
bin ich da scheinbar jemandem. Gut so, denn ich stehe dazu, den Titel "Bunte Fassaden, nichts dahinter" nicht nur nicht irreführend, sondern äußerst treffend zu finden. Ich hatte auch "Potemkin'sche Dörfer in Pastell" in Erwägung gezogen, aber aufgrund mangelnder Einprägsamkeit nicht verwendet. Und: Ja, ich hatte erwartet, daß es mehr zu sehen gibt, als die selben auf die selbe Weise wie im vergangene Jahr angeleuchteten Hausfronten. Bei der „Lichtmeile rund um die Mittelstraße“, war für mich das Rundum spärlich besiedelt und ist die Mittelstraße selbst außen vor geblieben. Die einzige dort am Freitagabend geöffnete Ausstellung (die im Alten Volksbad) gehört, wie ich nun herausfinden kann, ins Programm der ArtScoutOne. Die Doppelnutzung von Programmpunkten und der Verzicht auf kuratiertes Programm hinter den Schauseiten der schönen Bauten sind für mich Hinweis auf Minimalaufwand. Und damit ist die Lichtmeile 2009 für mich symptomatisch für die Stadt Mannheim, die kulturelle Großtaten sehen will, aber nicht in diese investieren. Schade, daß dieses Kulturfestival deiner wissenden Meinung nach, nicht der Nachtwandel sein möchte, denn der schafft es immerhin Räume größer als 20qm „proppenvoll“ zu bekommen. Mit eben dem „vielfältigen künstlerischen und kulturellen Potential“, das der Neckarstadt aus meiner Sicht abgeht.
Hätte ich die Lesung nicht verpaßt, wäre ich persönlich an der Lichtmeile beteiligt oder noch in dem Alter, in dem man Im-Kreis-Reiten auf Huftieren und eine Kugel Erdbeereis hinterher auch für gelungenes Kulturprogramm hält: Ich würde es vielleicht anders sehen.