Die Rheinpfalz, 27.2.10: „Entweder ist Schluss oder es beginnt eine neue Dekade"
Interview: Beim Mannheimer Künstlerhaus zeitraumexit hofft man auf mehr städtischen Zuschuss - Die künstlerische Leiterin Gabriele Oßwald im Gespräch
Wegen fehlender Sponsoreneinnahmen ist die Existenz des Mannheimer Künstlerhauses zeitraumexit bedroht. Wenn der Gemeinderat bei den Etatberatungen nächste Woche nicht eine Verdopplung des städtischen Zuschusses beschließt, steht zeitraumexit nach genau zehn Jahren vor dem Aus. Über diese schwierige Situation sprach Nicole Heß mit der künstlerischen Leiterin Gabriele Oßwald.
Frau Oßwald, warum braucht Mannheim zeitraumexit?
Weil unser Ansatz, aktuelle experimentelle Kunst über die Branchen hinweg zu präsentieren, einzigartig in Süddeutschland ist.
Renommee haben Sie sich vor allem mit „Wunder der Prärie" erworben. Wird das Festival dieses Jahr definitiv nicht stattfinden?
Wir wollten es planen, aber der Entscheidungsprozess der Stadt, ob und wie wir weiter unterstützt werden, hat sich so lange hingezogen, dass wir entschieden haben: Wir können es dieses Jahr nicht machen. Zu wenig Vorlauf für Planung und Einwerbung von weiteren Geldern.
Wenn der Gemeinderat zustimmt, erhält zeitraumexit künftig einen kommunalen Zuschuss von 95.000 Euro. Ist das viel oder wenig?
Weniger hätte es nicht sein dürfen. Wir sind an der absoluten Schmerzgrenze dessen, was wir als Fundament brauchen.
Es ist ungefähr der Betrag, den Sie allein für die Miete Ihrer Räume brauchen.
Ich werde wütend, wenn immer auf der Miete herumgehackt wird. Wir zahlen de facto mit Nebenkosten 88.000 Euro Miete im Jahr, haben aber auch Einnahmen durch die Vermietung zum Beispiel von Atelierräumen. Es bleiben Kosten von 80.000 Euro. Das mag viel Geld sein, aber man muss auch den Kontext berücksichtigen. Wir sind nach den Anfangsjahren deutlich gewachsen und haben seit 2004 Räume gesucht. Die Stadt hat nichts für uns gefunden. Die Turley Barracks waren nur temporär und mit viel Kraft und Geld bespielbar gewesen. Aus dem ehemaligen Gesundheitsamt mussten wir auch wieder raus. 2006 hatten wir im Jungbusch endlich Räume gefunden, die annähernd an unseren Bedarf herankommen. Wir hatten die Vorstellung, dass sich dieser Stadtteil weiterentwickelt, dass die Stadt vielleicht die Kauffmannmühle kauft. Fakt ist: Es gibt in Mannheim keine Räume für unseren Bedarf.
Würden Sie aus Mannheim weggehen?
Nein. Mannheim ist eine tolle Stadt. Aber in bestimmten künstlerischen Bereichen ist es eine Wüstenei. Die freie Kultur ist über so viele Jahre derart skandalös unterfinanziert worden, dass jeder Euro wichtig ist.
In der freien Szene ist ja niemand auf Rosen gebettet. Gibt es eine Solidarität mit Ihnen?
Ja, ich erlebe schon eine Solidarität unter den Theaterschaffenden. Auch die Petition der bildenden Künstler war ein gewaltiger Schritt. Es ist schwierig, eine Lobby zu entwickeln, mit einer Stimme zu sprechen, wenn es sich um eine so heterogene Gruppe handelt. Aber es bewegt sich etwas in Mannheim. Endlich. Der nächste Schritt wäre nun, inhaltlich darüber zu streiten, was eigentlich die freie Szene ist. Das wäre eine wichtige Diskussion.
Was, wenn der Gemeinderat die 95.000 Euro nicht bewilligt?
Dann müssen wir Insolvenz anmelden. Für den 16. und 17. April, dann sind wir exakt zehn Jahre alt, planen wir eine Veranstaltung, die „Licht an - Licht aus" heißen wird. Es ist die letzte Aktion von zeitraumexit - oder der Beginn einer neuen Dekade.
Was wird im Fall der Insolvenz aus Ihnen und Ihren beiden Mitstreitern?
Tilo Schwarz und Wolfgang Sautermeister bringen viel ehrenamtliches Engagement ein und verdienen zum Glück ihren Lebensunterhalt woanders. Ich müsste mich erst einmal sammeln und wieder finden. Eine Fortsetzung von Zeitraum-Exit würde es mit Sicherheit nicht geben.
In der ganzen Stadt hängen Plakate, die an Ihre Aktionen erinnern. Mit welchem Gefühl denken Sie an die zehn Jahre zurück?
Mit Freude und auch mit Stolz. Es sind schöne Erinnerungen.
















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