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Die Rheinpfalz am 20.2.2010: "Kultur ist chronisch unterfinanziert"

in

„Kultur ist chronisch unterfinanziert"
Trotz schwieriger Wirtschaftslage will die Stadt Mannheim die freie Kulturszene stärker fördern - Gemeinderat muss zustimmen

Von Nicole Hess

Wenn der Gemeinderat bei den Etatberatungen Anfang März zustimmt, unterstützt die Stadt Mannheim die freie Kulturszene künftig mit mehr Geld. Die Fördermittel sollen um 475.000 Euro auf fast drei Millionen erhöht werden. Vor allem für die bildende Kunst, die darstellende Kunst und die Förderung von Festivals sollen in Zukunft mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Es wäre ein bemerkenswertes Zeichen in finanziell schwierigen Zeiten, in denen auch in Mannheim Sparen angesagt ist.

Im Sommer schlossen sich Mannheimer Künstler zu einem Aktionsbündnis zusammen und unterbreiteten in einer Petition fünf konkrete Vorschläge, wie die Situation insbesondere für bildende Künstler verbessert werden kann. Etwa 300 Menschen aus verschiedenen Kultursparten haben unterschrieben. Die zentralen Forderungen: Erhöhung der finanziellen Mittel aus dem Kulturetat, Einrichtung eines Ausstellungshauses, ein Beauftragter für bildende Kunst bei der Stadt. Die erste dieser Forderungen wird nun aller Voraussicht nach erfüllt, für die anderen beiden ist derzeit wohl kein Geld vorhanden.

„Es ist natürlich eine gute Nachricht, andererseits hat es die Stadt Mannheim ja auch 20 Jahre lang versäumt, die Kunst zu unterstützen, und damit den Anschluss an andere Städte verpasst", sagt Barbara Hindahl, bildende Künstlerin und Sprecherin des Bündnisses. „Eine Stadt wie Mannheim müsste eigentlich ein Künstlerhaus und eine städtische Galerie haben. Alles andere ist peinlich und spricht sich in Deutschland herum. Das tut der Stadt nicht gut."

Die Verantwortlichen im Rathaus und im Kulturamt sind sich dieses Problems durchaus bewusst. „Die Kultur ist chronisch unterfinanziert", sagt Bürgermeister Michael Grötsch, „alle kulturellen Einrichtungen sind unterfinanziert." Man sehe durchaus Handlungsbedarf und wolle den Etat nun um eine knappe halbe Million Euro erhöhen - vorbehaltlich der Gemeinderat stimmt zu.

Dieses Geld soll sich nach dem Vorschlag der Verwaltung auf folgende Sparten verteilen: Förderung der bildenden Kunst (135.000 Euro), der darstellenden Kunst (80.000 Euro), Förderung von Festivals (70.000 Euro), Filmförderung (15.000 Euro), internationaler Kulturaustausch (20.000 Euro), Kreativwirtschaft (20.000 Euro) und Projektmittel (40.000 Euro). Damit soll auch der Zugang zu Landes- oder EU-Förderung erleichtert werden, die oft nur ergänzend zur Unterstützung durch die Kommune gewährt wird.

Bleiben 95.000 Euro übrig - dieses Geld soll der von der Insolvenz bedrohten Mannheimer Künstlerinitiative Zeitraum-Exit zugute kommen. Zeitraum-Exit ist auch Veranstalter des jährlich stattfindenden Performance-Festivals „Wunder der Prärie". In den Räumen der Initiative in der Kauffmannmühle im Jungbusch trafen sich Ende Januar Vertreter der freien Szene, des Kulturamts und der Gemeinderatsfraktionen mit Grötsch zu einem Gespräch. Auch wenn der Ort zufällig gewählt wurde: Die Solidarität mit den Leuten von Zeitraum-Exit, deren Hauptsponsoren, eine Stiftung und die BASF, drastisch die Mittel gekürzt hat, ist offenbar groß. Es wird allgemein anerkannt, dass das Festival“Wunder der Prärie" in den vergangenen Jahren eine große Bedeutung gewonnen hat und längst weit über Mannheim hinaus wahrgenommen wird.

Die freie Kulturszene ist allerdings auch in Mannheim sehr heterogen zusammengesetzt, die verschiedenen freien Kunst-, Theater-, Film- und Musikszenen haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Organisationsformen. Für Sascha Koal, Leiter des Theaters Felina-Areal und Vorstandsmitglied im Landesverband freier Theater in Baden-Württemberg, ergibt sich die Zugehörigkeit zur freien Szene aus einer „gewissen Professionalität und einem freieren Umgang mit Formen und Inhalten". Für alle Künstler gelte aber, dass sie unter einem großen finanziellen Druck stehen, der „nicht gut ist für die Kunst". Koal: „Viele leben unter Hartz-IV-Niveau."

Für die Theaterszene wünscht sich Koal ein Produktions- und Veranstaltungszentrum - und zumindest die Pläne für ein solches Haus sollen mit dem erhöhten Etat voranschreiten. Auch das Festival „Schwindelfrei" der freien Theatergruppen soll dieses Jahr wieder stattfinden. Das im letzten Jahr von Rolf Lauter ins Leben gerufene Projekt „Artscoutone", bei dem Kunst an ungewöhnlichen Orten gezeigt wurde, soll laut Grötsch ebenfalls fortgesetzt werden. Ein Ausstellungsraum oder Künstlerhaus, wie vom Aktionsbündnis bildender Künstler gefordert, sei allerdings „perspektivisch noch nicht finanzierbar".

475.000 Euro - so wahnsinnig viel Geld ist das im Endeffekt dann gar nicht. „Es muss gut eingesetzt werden", findet Barbara Hindahl. Dabei sei es wichtig, dass Künstler beratend zur Seite stehen. Insgesamt sieht aber nicht nur sie Bewegung in Mannheim: „Es ist was im Gange." Auch Sascha Koal geht es um den Aufbau neuer Strukturen in der Stadt, die möglicherweise eine Bewerbung als Kulturhauptstadt 2020 anstreben wird: „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, was zu bewirken."