Stefan Kaegi, "Staat. Ein Terrarium", 2002
Itsaso Iribarren, "I like when you don't speak", 2006
Far A Day Cage, "Odysseus", WdP 2005
She She Pop; "Für alle", WdP 2006
Oßwald/Sautermeister, "Happiness", WdP 2006
Hina Strüver, "1:10", Wunder der Prärie, (WdP) 2007
Stan's Cafe, WdP 2005
EX!T, "f.a.q.", 2004
Tatsumi Orimoto, WdP 2006
Yvette Coetzee, "Fantastische Möglichkeit", WdP 2005
Antonia Baehr, "Lachen", Wunder der Prärie 2008
Friederike & Uwe, "Wasserturm", WdP 2004
Anticool, "Vicious circle exercise", WdP 2004
Pandora Pop, "So darling ...", 2006
Stan's Cafe, "Of all the People ...", WdP 2005
Ines Dunemann
Yvette Coetzee, WdP 2005
Hina Strüver, "Castle", WdP 2004

Locken auf der Glatze?

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Mannheim will Kulturhauptstadt 2020 werden. Anspruch und Wirklichkeit klaffen schon rein naturgemäß weit auseinander. Manchmal allerdings sind die Kluften so groß, dass unverständlich bleibt, wie ein derartiger Anspruch entstehen konnte. Wer überhöht, hat zwei Möglichkeiten: er schafft es die Wirklichkeit auf die Höhe des Anspruches zu bringen, oder die Wirklichkeit lässt die Ansprüche tief fallen. Vielleicht sind diese eingeschränkten Möglichkeiten der Grund warum Ansprüche meist näher an der Höhe der Realität gestaltet werden. Die Chance zur Neugestaltung der Wirklichkeit erhöht sich damit deutlich.<!--more--> Nichts Geringeres als europäische Kulturhauptstadt 2020 hat der Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, Dr. Peter Kurz, auf die Fahne geschrieben. Die Idee entstand bereits 2007, als die Stadt mit großem Aufwand ihren 400jährigen Geburtstag ein Jahr lang – aber leider wenig nachhaltig - feierte. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag, dem 8. Dezember 2009, wurde nun ein hübsches Skizzenbuch „Kultur, Raum, Stadt ... Mannheim 2020“ vorgestellt. Darin findet sich u.a. ein Zitat von Trevor Davis, Leiter der Kulturhauptstadt Kopenhagen 1996, und Organisator der Bewerbung der dänischen Stadt Aarhus für 2017: „Entscheidende Voraussetzung für das Veränderungspotenzial ist das, was in der Soziologie als ‘positive decision-making environment‘ bezeichnet wird, also ein Umfeld, in dem offen und konstruktiv Entscheidungen getroffen werden. Dann nämlich arbeiten Politiker, Geschäftsleute, Medien und andere Akteure tatsächlich zusammen und treffen gemeinsam Entscheidungen.“ Allerdings schon die Pressekonferenz selbst stand in tiefer Kluft zu dieser unterstützenswerten Vorstellung einer offenen Stadtgesellschaft (egal, ob auf dem Weg in eine Kulturhauptstadt oder nicht). Am 22. Dezember 2010 soll die gewählte Stadtvertretung eine Beschlussvorlage erhalten. Dafür hat die Stadt 130.000 Euro für ein Kulturhauptstadtbüro zur Verfügung gestellt. Das Ergebnis der Arbeit ist u.a. ein Skizzenbuch, in dem 38 Mannheimerinnen und Mannheimer die Bewerbung zur Kulturhauptstadt mal mehr mal weniger kräftig unterstützen. 250.000 Euro und Personalaufstockung für das Kulturhauptstadtbüro sollen jährlich für 2010 und 2011 in den ausgetrockneten Haushalt, um den Weg zur Bewerbung weiter offen zu halten. Obwohl die Europäische Union bislang weder einen Beschluss gefasst hat, ob das Programm 2020 fortgesetzt wird, noch ob sich dann eine deutsche Stadt überhaupt bewerben kann. Allein in Baden-Württemberg haben auch Ulm und Stuttgart ihren Hut für 2020 in den Ring geworfen. Die gewählten Gemeinderäte aber werden erst nach der Pressekonferenz informiert. Die Antragsvorlage und das Skizzenbuch sind zum Zeitpunkt der Pressekonferenz auf dem Postweg zu ihnen. So eilig, weil 2020 so nah ist? Keine Zeit für „Positive decision-making environment“? Aber damit nicht genug. An diesem Morgen macht sich ein aktiver Gemeinderat mit dem Geschäftsführer seiner Fraktion auf den Weg zu dieser Presserunde im Mannheimer Rathaus. Das Rathaus müsste die Quelle eines „Umfeldes, in dem offen und konstruktiv Entscheidungen getroffen werden“, sein. Nur dumm, dass bekannt war und ist, dass diese Gemeinderatsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen das Vorhaben Kulturhauptstadt 2020 kritisch begleitet. Mit der Begründung: „die Pressekonferenz sei nicht öffentlich“ wollte man die Kritiker abweisen. Der Geschäftsführer der Ratsfraktion musste draußen bleiben. Der Gemeinderat, der Schreiber dieser Zeilen selbst, konnte dank der Intervention des herannahenden Oberbürgermeisters, bleiben. Er schriebe ja für die „Grüne Zeitung“. Mit diesem Widerspruch noch immer nicht genug, findet tags darauf ein Kulturausschuss mit dem Tagesordnungspunkt „Freie Szene“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Anspruch hat aber nicht nur dadurch Überhöhe. Die Mannheimer Wirklichkeit gerade bei der Kultur, die 2020 die Stadt prägen könnte, ist zu großen Teilen desaströs. Dies im Angesicht der Tatsache, dass die Stadt bis 2013 sage und schreibe 330 Millionen Einnahmeverluste zu erwarten hat. Kultureinrichtungen der nicht institutionalisierten Szene bluten aus. Das renommierte Künstlerhaus „Zeitraum Exit“, mit experimentellem Mut und mit gewachsenem Ansehen wird ohne finanzielle Ausstattung der Stadt und wegen abgesprungener Sponsoren nicht einmal 2010 überleben. Das Jugendkulturzentrum FORUM hat keine Gelder mehr für Sachmittel und rechnet 2010 mit Einschränkungen auch im Personalbereich aufgrund der Deckelung der Finanzierung inklusive Personalkosten. Der Geschäftsführer des Mannheimer Kulturzentrums Feuerwache wechselt nach Hamburg. Personalia der Kunsthalle und der Museen sind wiederholt im Gespräch – oft auch, weil sie bessere Angebote erhielten. Manchmal halten allerletzte Reserven wichtige Protagonisten von ihrer Reise ab. Das große und für Mannheimer Verhältnisse reichlich finanziell bedachte Vier-Sparten-Nationaltheater arbeitet in Räumen, die dringend einer gründlichen Sanierung bedürfen. Die Mannheimer Kunsthalle will Teile ihres Baues abreißen, um wieder mithalten zu können. In die Aservatenkammer der Kunsthalle dringt mittlerweile Wasser ein. Es gibt keine wirkliche städtische Galerie für die zahlreichen bildenden Künstlerinnen und Künstler. Das dafür wenig attraktive Rathaus wurde in den letzten Jahren für Ausstellungen von regionalen Künstlerinnen und Künstlern genutzt. Geförderte Atelierräume sind bislang auch noch Traum jenseits der Mannheimer Wirklichkeit. Die Freie Szene geht fast überall auf dem Zahnfleisch und hat zudem dort, wo sie lebendig und mutig aufdreht, mit bürokratischen Hürden zu kämpfen. Und: die Szene formiert sich und wird zum Glück bissiger. Keine Frage, die Quadratestadt am Rhein und Neckar hat was. Überall brodeln kleine kreative Öfen. Aber die Stadt hat die letzten Jahrzehnte kaum Heizmaterial zur Verfügung gestellt. Es wäre also an der Zeit, anstatt Ansprüche auf neue Höhen zu schrauben, die Wirklichkeit anzugleichen und Geld und Raum dahin zu schaffen, wo heute die Kultur von 2020 entsteht. In den Hinterhöfen, in den Ateliers und in den heimischen kreativen Köpfen und Herzen der Stadt. Dann, wenn die Wurzeln gut gepflegt sind, kann Mannheim - mit der geölten Kultur einer offenen und freien Stadtgesellschaft - Locken auf der Glatze drehen.

Locken auf der Glatze?