Rheinpfalz 19.10.09: „Wunder der Prärie" hat Wunder nötig
Das Kunst- und Performance-Zentrum Zeitraumexit im Mannheimer Jungbusch steht vor dem finanziellen Ruin
Von Hans-Ulrich Fechler
Zeitraumexit, vor allem bekannt durch sein Festival „Wunder der Prärie", hat jetzt selbst ein Wunder nötig. Programm und Ablauf des nächsten Festivals im Herbst sind zwar schon geplant, wie auch bereits das gesamte Jahresprogramm steht. Doch alles unter Vorbehalt. Denn finanziell steht Zeitraumexit das Wasser bis zum Hals.
Die Leiter hoffen auf die Unterstützung der Stadt. Doch Kulturdezernent Michael Grötsch sagt: Zeitraumexit, wie die gesamte freie Szene, sei der Stadt zwar sehr wichtig. Die Stadt könne aber nicht als Ausfallbürge auftreten.
Im nächsten Jahr wird Zeitraumexit zehn Jahre alt. Bisher hat das Kunst- und Performance-Zentrum im Mannheimer Jungbusch sich überwiegend, nämlich zu 80 Prozent, durch eine Stiftung finanziert. Das ändert sich in der momentanen Wirtschaftslage. Ohne dass es zu einem Zerwürfnis gekommen wäre und ohne Angabe von Gründen stellt die Stiftung zum Jahresende ihre Zahlungen ein. Die privaten Quellen versiegen. „Wir bräuchten 230.000 Euro im Jahr, um den Status quo zu halten", rechnet das dreiköpfige Leitungsteam, bestehend aus Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister und Tilo Schwarz, vor. Allein 90.000 Euro betragen die Mietkosten in der Kauffmannmühle für die 800 Quadratmeter. Über einen Mietnachlass verhandeln die Leiter noch mit dem Eigentümer der Kauffmannmühle in der Hafenstraße. Dorthin sind sie 2007 gezogen, als die Räume in der Langen Rötterstraße zu eng wurden. Darüber hinaus hoffen sie aber auf eine institutionelle Förderung seitens der Stadt. Bisher hat die Stadt Zeitraumexit projektbezogen gefördert. Am Anfang, im Jahr 2000, waren es noch 10.000 Mark, zuletzt 45.000 Euro im Jahr für Festivals und andere Veranstaltungen.
zeitraumexit versteht sich als Speerspitze der Avantgarde in Mannheim, in der Region und in Südwestdeutschland. „Wir sehen uns als Labor für neue Kunstformen", sagt Tilo Schwarz, „als Impulsgeber in der Verbindung von bildender und darstellender Kunst und Performance-Kunst." Der nächste vergleichbare Musentempel sei der Mousonturm in Frankfurt. Die Zusammenarbeit mit national und international renommierten Avantgardekünstlern gibt Zeitraumexit Recht. Demnächst will der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels eine Werkschau bei Zeitraumexit vorstellen. Inzwischen bekannte Künstler haben ihre ersten Schritte hier im Kunstzentrum getan, so Stefan Kaegi von Rimini Protokoll oder Anna Huber, noch bevor sie 2007 mit ihrem Tanzteam im Ludwigshafener Corso aufgetreten ist. Das weithin bekannte mehrtägige Festival „Wunder der Prärie", Schwerpunkt des Jahresprogramms, ist Teil der Kulturvision 2015 der Metropolregion Rhein-Neckar. Oßwald, Sautermeister und Schwarz packen Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz deshalb bei seinem Ehrgeiz, wenn sie ihn an seine Mannheimer Kulturhauptstadt-Visionen im Jahr 2020 erinnern.
Näher als 2015 und 2020 liegt freilich 2010. Das Programm für das nächste Jahr steht zwar, aber eben unter dem Vorbehalt, dass die Finanzierung stimmt. „Wunder der Prärie", traditionell im September, soll unter dem Motto „Ferne Welten" stehen und „Utopie" zum Thema haben. Eine Jubiläumsausstellung soll den Aspekt der gelebten Utopie des Künstlers berühren. Dazu werden Beiträge anderer Künstlergruppen und -häuser erwartet, zum Beispiel von Raumlabor Berlin und Sparwasser Berlin.
Der Stärkung der freien Szene Mannheims soll ein gemeinsames Projekt mit dem Theater TiG 7 dienen. Es trägt den Arbeitstitel „90 m über dem Meer", wobei das Publikum mehrmals an einem Abend zwischen TiG 7 und Kauffmannmühle wechseln soll. Alle freien Künstler der Region sollen die Gelegenheit bekommen, ihre Werke einem breiten Publikum vorzustellen.
Kulturdezernent Grötsch sagt, die freie Kunstszene, "die Schwächsten im kulturellen Bereich", könnten sich seiner Unterstützung sicher sein. Die Förderung sei auch stetig seit 2005 Jahr für Jahr gestiegen, von 1,88 Millionen auf 2,57 Millionen Euro in diesem Jahr. „Dieser Betrag ist immer noch zu wenig", räumt Grötsch ein. Es liege auch im Interesse der Stadt, Zeitraumexit zu erhalten. Die Leitung habe sich aber durch einen Mietvertrag über zehn Jahre selbst gebunden. „Die Situation ist die, dass die Stadt nicht der Ausfallbürge sein kann."
Mit dem Eigentümer der Kauffmannmühle steht die Stadt schon seit einiger Zeit in Verhandlungen. Die Stadt hat nämlich ein Interesse an der Entwicklung des Hafengebiets. Wie der Vermieter bewahrt auch der Bürgermeister über den Stand der Verhandlungen Stillschweigen. „Es ist noch nicht ausgegoren", sagt Grötsch. Zeitraumexit wäre es selbstverständlich lieber, wenn die Stadt Vermieter wäre. Aber so wie es aussieht, werden die Verhandlungen auch noch im nächsten Jahr andauern. Dann ist es für Zeitraumexit zu spät und die letzte Hoffnung zerstoben.
















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