etwas schenken, das ich nicht habe

auch ich bin in die falle getreten, bei dem ausdruck "kuss" zuerst "liebe" zu assoziieren. wie dumm von mir, denn es gibt aspekte, die sehr viel revolutionärer, spektakulärer sind, beim kuss-mach, beim kuss-sehen noch einmal (www.flickr.com/zeitraumexit) -- eine wahrhaft menschliche grenzüber-schreitung. seltsamerweise muss gerade die darstellende kunst seit etwa 100 jahren eine bresche schlagen gegen das vergessen einer sphäre, an deren vergessen sie selbst beteiligt war. ja, sogar in einem philosophischen seminar müsste man sich heute rechtfertigen, wenn man das wort "unmittelbarkeit" benützte. aber für eine zeit der besinnung ist es nie zu spät, da besinnung sowieso immer viel zu spät kommt: wovon ich hier also rede, das körper-sein des menschen, des menschlichen vielleicht, da steht letztlich das problem unseres ganzen verkehrt-stehens in der welt auch mit zur debatte, denke ich. ein kuss ist überhaupt nichts anrüchiges und trotzdem kann er irgendwie anrüchig wirken. warum?
guerilla-aktionen wollen etwas unterlaufen. deshalb weiss man nie, wann sie eigentlich begonnen haben, unter welchem namen sie laufen und im besten fall weiss man auch nicht, wer verantwortlich ist. mannheim wird demnächst heimgesucht, von küssen, das ist alles, was ich weiss. irgendetwas hat es auch mit "wunder der prärie" zu tun, das festival, das diese jahr (im september) unter dem arbeitstitel "unmögliches denken, unmögliches tun" läuft und näherhin beleuchten will, inwiefern alte, humanistische oder auch neue humanistische statussymbole und begriffe unserer kultur von gegenwärtigen prozessen des marktes und der gesellschaft aufgesaugt und unmerklich umgedeutet werden. ich gebe zu, dass ich jetzt doch finde, dass so eine kuss-aktion da sehr gut hineinpasst.
am samstag, dem 11. juni ab 11h darf man sich auf dem marktplatz in mannheim küssen oder einfach den helfern von zeitraumexit helfen. ansonsten gilt, wie immer: augen auf!
zum abschluss noch ein paar formulierungen aus dem archiv ...
kuss. etwas schenken, das ich nicht habe./ begegnung zweier menschen, die sich berühren und zugleich "nicht einfach" berühren können, die sich zeigen und zugleich voreinander verschleiern, die willenlos sind und etwas voneinander wollen. die einsamkeit als moment ihrer liebe spendet ihnen lust an der perma-nenten bewegung: das abwechseln von aktivität und passivität, bestimmen und bestimmt werden, vordringen und zurückweichen, experiment und angewandte ethik.
nähe. unsere nähe ist die grösse des abstands zwischen uns. bliebest du mir nicht fremd, könntest du mich nicht erregen.
erregung. gewissheit vom zukünftigen zufall. eine art vertrauen also.
regel. natürlich sind wir gegen jede art von zwang, aber wenn es ums spielen geht, braucht es auch eine regel. eine schlechte regel: "lachen sie jetzt!" oder: "gehen sie auf das feld, auf dem man lachen muss!"
besser vielleicht: "versuchen sie sich zu erinnern, wann sie das letzte mal ein lachen unterdrückt haben. gehen sie zurück. gehen sie nicht über los." gehe zurück, komme wieder. die gelegenheit zählt.
warum ich, wenn ich über das küssen rede, auch über alles andere rede. berührungen sind in ihrer aufmerksamkeit immer verteilt und konzentriert: hier und da, bei mir und beim anderen, empatisch und souverän, sensibel und selbstvergessen, vernünftig und unvernünftig: eigentlich ünberhaupt nicht fassbar und doch das allerfassbarste.
- sirenomele's blog
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Kommentare
Der Kuss
Die Situationistische Internationale, maßgeblich an den 68-Unruhen in Paris beteiligt, erkundeten auf dem Dérive das städtische Terrain und seine emotionale Tektonik. Ihre Kritik richtete sich gegen die Verödung der Städte, gegen die funktionalistisch verflachte Wahrnehmung ihrer Bewohner, gegen die Kommerzialisierung öffentlicher Flächen, gegen die visuelle Verarmung in den Betonwüsten. Ziel der Avantgarde war das Spiel, d.h. die Schaffung von Situationen, verstanden als plötzlicher Stimmungswechsel innerhalb eines Straßenzugs oder auf der anderen Seite des Platzes, verstanden als die atmosphärischen Schwankungen, die sich durch Eingriffe in das stadtarchitektonische Feld provozieren lassen.
Oft wird, aufgrund des mimetischen Vermögens der Fotographie, über dem "Endprodukt Bild", dem stillgestellten, zweidimensionalen Ausschnitt, die Zeitlichkeit und die Räumlichkeit vergessen, in der es entstanden ist und in der es rezipiert wird.
Ausschlaggebendes Moment bei "Etwas schenken, das wir nicht haben" ist die Veränderung, die während seiner Entstehung und seiner Rezeption im urbanen Umfeld erzeugt wird.
Damit das Bild nicht zur Ware wird, zum tauschbaren Produkt, darf es nicht stillstehen, es muss im sozialen Fluss, im urbanen Terrain zirkulieren, als Lichtbild, im flüchtigen Aufscheinen und vergehen. Es muss von Hand zu Hand gehen, in einem Potlatch, bei dem man sich nicht ruinieren kann, in einer Ökonomie, die die Gesetze des Kapitalismus aushebelt, in der mehr wird, was verschenkt wird. Es muss von Mund zu Mund fliegen, von Mauern und Simsen springen, projiziert, geworfen, gestohlen, verwendet werden. Und während wir spielen, hoffen wir, den atmosphärischen Druck zu erhöhen, die Stimmung zu wenden, im städtischen Dickicht ephemere Momente der Utopie zu erzeugen.