Mannheimer Morgen, 5.12.09: Zuspruch von allen Seiten
Kulturpolitik: Prominente Vertreter der regionalen und internationalen Kunstszene bekunden Solidarität mit Zeitraumexit
Zuspruch von allen Seiten
Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals
"Theater jenseits der Stadttheater ist noch immer skandalös schlecht finanziert und medial unterrepräsentiert", sagt kein Geringerer als der Leiter des Impulse-Festivals Tom Stromberg - und hat recht. Vielleicht wissen wir auch deshalb nicht, wie es in Mannheim mit Zeitraumexit weitergeht. Zu einer notwendigen institutionellen Förderung der Kreativschmiede sehen Bürgermeister Michael Grötsch und Oberbürgermeister Peter Kurz "derzeit keinerlei Möglichkeit". Der drohende Verlust des Kunstbüros im Mannheimer Jungbusch (wir berichteten) ruft nun Künstler und Besucher auf den Plan, die sich in Solidaritätsadressen an Stadt und Öffentlichkeit wenden.
Stefan Kaegi, prominentes Mitglied des Künstlerkollektivs Rimini Protokoll
meldet sich gar aus Kanada - mit klarer Botschaft: "Je mehr ich international toure, desto klarer kristallisiert sich heraus, dass der aufwendige Apparat deutscher Stadt- und Staatstheater viel zu klumpig daherkommt, um den Veränderungen unserer Wahrnehmungsgewohnheiten gerecht zu werden." Und folgert: "Nur kleine, flexible und aufgeschlossene Organismen vermögen es, der beschleunigten Zeichenwelt der Gesellschaft des Spektakels reflexiv Paroli zu bieten. Zeitraumexit und "Wunder der Prärie" sind wichtige Tools in einem Netzwerk von Guerilla-Institutionen, die ein freies Denken erlauben. Wenn Städte hier kappen, schneiden sie sich einen Weg in die Zukunft ab."
Heiner Goebbels, Komponist, Regisseur und stilprägender Professor für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen legt nach: "Zeitraumexit hat sich in der Region und darüber hinaus zu einer der wichtigsten Präsentationsplattformen für die freie, zeitgenössisch orientierte Kunst- und Theaterszene entwickelt. Mit Zeitraumexit besetzt Mannheim einen der wenigen und für die Zukunft der Performancekunst so wichtigen experimentellen Plätze in Deutschland."
Die brancheninterne Wertschätzung für die von Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister und Tilo Schwarz über zehn Jahre kontinuierlich auf- und ausgebaute Institution spiegelt sich auch im Schreiben des Leiters des Münchner Theaterfestivals "Spielart", Tilmann Broszat: "Zeitraumexit ist das einzige freie Haus in Baden-Württemberg, das inhaltlich an die aktuellen Entwicklungen in den Darstellenden Künsten anknüpft."
Überregionale Strahlkraft
Auch aus Frankfurt, Hamburg und Stuttgart solidarisieren sich Theaterfreunde, teils gar mit "kämpferischen Grüßen" wie der Berliner Künstler Volker Gerling: "Ich bin der Meinung, dass es ein kultureller Gau für Mannheim und die Region wäre, wenn es diese Spielstätte nicht mehr geben würde." Auch Sigrid Gareis, Tanz- und Theater-Kuratorin sowie Gründungsintendantin des Tanzquartiers Wien betont "überregionale Strahlkraft" und rät Kurz und Grötsch: "Festigen Sie den positiven internationalen Ruf Mannheims im zeitgenössischen Theater in nachhaltiger Weise!"
An Entsetzen mangelt es auch in der Region selbst nicht: "Es ist schwer zu glauben, dass Mannheim es sich leisten will, auf Zeitraumexit zu verzichten", schreibt Musiker Claus Boesser-Ferrari. "Kultur ist Träger und Vermittler von Identität, Wert und Sinn. Gerade in Krisenzeiten." Mit diesen Worten bittet der Künstler und Viernheimer Kurator Fritz Stier um Mittel. Mitglieder der Akademie der freien Künste, Jüdische Kulturvermittlung, engagierte Zuschauer, Kulturinteressierte und Mannheims Off-Theater zeigen ebenfalls Solidarität.
Ob sie nützt, wird sich zeigen. Aus einem uns vorliegenden Brief des Oberbürgermeisters ist von zu führenden "Verhandlungen über mögliche Alternativen" die Rede. "Wir sind in Gesprächen mit Zeitraumexit, um eine Lösung für die aktuelle Situation zu finden und ein Fortbestehen zu ermöglichen", signalisiert Kulturbürgermeister Michael Grötsch in seinen Antworten. Und verweist auf das Bürgerparlament: "Letztlich wird darüber der Gemeinderat in seinen Haushaltsberatungen im März 2010 beschließen." Dass die Gemeinderäte die richtige Entscheidung treffen mögen, werden sich all diejenigen wünschen, die Mannheims Kulturhaupstadt-Bewerbung unterstützen und am Erhalt eines Alleinstellungsmerkmals interessiert sind.
















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