Mannheimer Morgen: Äpfel von Birnen trennen
Mannheimer Morgen, 12.12.2009
Hintergrund: Warum freie Szene nicht gleich Freie Szene ist - einige unangenehme Wahrheiten in Zeiten knapper Kassen
Äpfel von Birnen trennen
Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals
Schreibt man das F in freie Szene groß oder klein? Dies fragte neulich ein Korrektur lesender Kollege. In Mannheim wird es zumindest klein geschrieben, so viel ist sicher. Doch auch außerhalb orthografischer Spitzfindigkeiten herrscht häufig Ratlosigkeit oder gar bewusst falscher Klassifizierungsmut, denn im Chor der Armen und Benachteiligten singt jeder Kulturschaffende gerne mit.
Doch auch wer es nun genau wissen oder darlegen will, kommt in Erklärungsnöte. Was bedeutet freies Arbeiten? Im Theaterbereich wird darunter meist ein Haus oder eine Gruppe verstanden, die sich von den Stadt- und Staatstheatern dadurch abgrenzt, dass sie in freier Trägerschaft, meist in Form eines Vereins organisiert ist und keine Gelder der öffentlichen Hand erhält. Das ist nur zum Teil richtig. Allein der Bezug kommunaler, föderaler oder bundesdeutscher Gelder, seien es Projekt-, Konzeptions- oder institutionelle Förderung, ist noch kein Ausschlusskriterium für die Zugehörigkeit zur Freien Szene. Auch deren Höhe, ein relativer Begriff, ist das nicht.
Freie Szene - und das ist der erste Teil der schlechten Nachricht - ist professionelles Theater. Sie macht Kunst. Sie sucht neue Wege, wagt das Ungewöhnliche, das Risiko, den Versuch. Durchaus auch um den Preis, nicht jeden Abend ausverkauft zu sein, anzuecken und eventuell zu scheitern. Freie Theater sind der subversive, gesellschaftlich relevante Gegenpart der großen Häuser, der Eventindustrie und der Vergnügungshäuser. Aber eben auch deren Laboratorium, Ideenschmiede und kritischer Hinterfrager. Was heißt das für Mannheim?
"Millionen" für die Szene?
2 376 790 Euro hat die Stadt Mannheim in 2009 für die (groß geschriebene) "sonstige Freie Szene" ausgegeben. Eine beeindruckende wie gänzlich irreführende Zahl. Was unter diesem Etikett verhandelt wird, zeigt ein merkwürdiges Verständnis von Freier Szene: Kurpfälzisches Kammerorchester, Kunstverein, Klapsmühl', Märchentage, Freilichtbühne, Puppenspiele, Kulturnetz und einige mehr tauchen hier auf. Nach dem international gängigen Verständnis von Freier Szene bleiben von dieser Zahl für die Freie Darstellende Kunst nur knapp zehn Prozent, nämlich etwa 200 000 Euro übrig. Angesichts dieser Summe ist der Ruf nach zu prüfenden Besitzständen und Umverteilung geradezu peinlich.
Von manchen Seiten wird unter dem Stichwort "gerechtere Verteilung" noch zur Unterstützung von Capitol, Oststadttheater und Schatzkistl geraten. Wer seriös sein will, muss aber Äpfel und Birnen unterscheiden können. Diese Forderungen mögen zwar begeisterten Zuschauern und Veranstaltern aus der Seele sprechen, fühlt man sich an diesen Häusern doch "frei", weil man nicht oder nur minimal gefördert wird. Dennoch ist etwa das beliebte Oststadttheater eine Amateurbühne, die ausschließlich auf ausverkauftes Haus und zunehmend auf schrille Travestie setzt. Hier wird hart und mit viel Herzblut gearbeitet, dennoch ist die Stadt allenfalls als Vermieter der durch Baupläne der Kunsthalle wegfallenden Spielstätte in der Pflicht, kulturpolitisch aber niemals. Ähnliches gilt für das Gastierhaus Capitol, das auch trotz seiner Musical-Eigenproduktionen kein Freies Theater ist. Das mag schmerzen, trifft aber uneingeschränkt zu.
Ganz am Ende muss in der Kulturförderung wie in der Musik nach U und E, also Unterhaltungsmusik und Ernster Musik unterschieden werden. Das ist für viele Kulturschaffende schwer nachvollziehbar, weil auch staatliche oder freie kleine Häuser durchaus mal Komödie spielen. Dennoch lässt sich schon an den Spielplänen problemlos eine Unterscheidung in U und E treffen. Wer einen Förderanspruch anerkennt, worüber man sich im städtischen Kosmos vertretbarer Vorlieben durchaus unterhalten kann, müsste eben auch Äpfel und Birnen unterscheiden und unterschiedliche Töpfe schaffen.
Wer aber anfängt Laientheater, Mundartkomödie, Travestie, Musicals und launiges Brettltheater auf oft fragwürdigem Niveau zu fördern, wird im nächsten Schritt Eventagenturen, Musicalproduzenten vor der Tür stehen haben, die zweifellos auch Großes zum Gaudium der Zuschauer leisten. Führt man das Legitimationsszenario fort, könnte die klamme Stadt noch Geld an die SAP Arena zahlen, damit diese ihr Unterhaltungsprogramm fortsetzt. Am Ende muss aber Kommerz und Kunst, Anspruch und Auftrag unterschieden werden. Dies sind die uralten und bewährten Kriterien einer mit Steuergeldern finanzierten Kulturpolitik mit Qualitätsverpflichtung. Es sind - auch für Mannheim - nicht die schlechtesten.
















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